Bild: Copyright © John van Beers / Abbildung aus Embodied Communication (ZRM)

Gastbeitrag von Sven Lehmkuhl

Die Offenheit für Selbst-Erfahrungen

(Teil 2)

Kommunikation ist das Kernelement menschlichen Miteinanders. Ob in der Partnerschaft, Familie, Clique oder in Unternehmen. Wir Menschen haben ein Grundbedürfnis nach Nähe und dem Aufbau von Beziehungen zu Mitmenschen. Und immer ist Kommunikation im Spiel.

Kommunikation ist mehr als nur ein Vorgang der Signalübertragung von einem Sender zu einem Empfänger und der Entschlüsselung von Botschaften auf allen Ebenen.

Leitfrage: Wie kann Kommunikation gelingen und zu erfüllteren Beziehungen beitragen?

Und was hat das mit Selbstwahrnehmung zu tun?

Kommunikation beginnt im Körper

Die berühmte Familientherapeutin Virginia Satir sagte: „Kommunikation ist für eine Beziehung, was der Atem für das Leben ist.“ Im Alltag kommen jedoch sowohl die Kommunikation als auch der Atem immer mal wieder ins Stocken.

Hat sich erst einmal ein handfester Streit entwickelt, verändert sich häufig nicht nur die Gesichtsfarbe der beteiligten Personen, auch der ganze Körper bebt. Es besteht „akute Ansteckungsgefahr“. Bei jedem weiteren Wort schaukelt sich der Streit weiter hoch bis zur Eskalation. Was ist da passiert?

Kommunikation ist geprägt von einer starken Körper- und Gefühlseinbindung. An jedem Wort hängt (mindestens) ein Bild und an jedem Bild hängt ein Gefühl, das mit dem unbewussten emotionalen Erfahrungsgedächtnis verknüpft ist (siehe auch Selbstwahrnehmung und innere Sicherheit).

Die Gedächtnisinhalte sind in Form von neuronalen Netzwerken gespeichert und dabei auf allen Sinneskanälen mit Erinnerungen verknüpft. Durch einen einzigen Reiz (z.B. ein Lied, Geruch) kann ein ganzes Netzwerk aktiviert werden. Einmal in Gang hält das Netzwerk nicht an, ähnlich wie beim Laden einer Webseite.

Wenn wir kommunizieren, senden wir also nicht einfach bloße Worte, die eine eindeutige Botschaft transportieren. Sondern diese Worte können unerwartete Reaktionen hervorrufen, weil beim Gegenüber plötzlich ein neuronales Netzwerk aus verschiedensten Einzelteilen (Assoziationen), Erinnerungen, Emotionen und Körperempfindungen aktiviert wurde. Dies geschieht blitzschnell und unbewusst. Der Körper weiß viel schneller als der Verstand, was im System los ist.

Worte können Kräfte freisetzen, aber eben auch tiefe Wunden reißen. Das ist dann Kommunikation „im Affekt“. Die Psychologen Maja Storch und Wolfgang Tschacher sind davon überzeugt: Kommunikation beginnt im Körper, nicht im Kopf.

Gefühlsbilanz

So ein ausgedehntes neuronales Netzwerk mit einer Vielzahl von verknüpften Erinnerungen und Gefühlen macht die Analyse bei einem Kommunikationsproblem nicht gerade einfacher. Im Falle eines hitzigen Streits oder auch kurz danach fühlt es sich in den Köpfen der beteiligten Personen wie „Kopfsalat“ an. Alles geht durcheinander.

Oder wie Maja Storch und Wolfgang Tschacher in Verwendung einer anderen „Lebensmittel-Metapher“ betonen: In solchen Situationen sieht es im psychischen System eher aus wie auf einer reichhaltig belegten Pizza.

Sie empfehlen, bei einem heftigen Streit den Stopp-Knopf zu drücken, da eine sachliche Analyse aus ihrer Sicht so gut wie unmöglich ist. Außerdem sehen sie es als hilfreich an, erst einmal für sich allein Klarheit über seine Gefühle zu erlangen, also eine „Pizzabelag-Analyse“ vorzunehmen.

Was möchte ich wirklich in dieser Situation?

Welche Belagsteile (Alltags-, Lebensthemen) auf meiner Pizza belasten mich emotional am meisten?

Bei welchen Belagsteilen kann ich selbst Veränderungsmöglichkeiten gestalten, die positive Auswirkungen auf meine Gefühlsbilanz haben?

Um diese Klarheit für sich zu erlangen, empfehlen die beiden Psychologen, zuerst für eine ausgeglichenere Gefühlslage zu sorgen. Also sich Zeit zu nehmen, um wieder runter zu kommen und Herz und Kopf zu beruhigen.

Das erfordert die Bereitschaft, sich beherzt seinem Gefühlschaos zu widmen und sich auf das Abenteuer Selbstwahrnehmung einzulassen. Die Selbstwahrnehmung steht am Anfang, um in den Modus der Selbstregulation zu wechseln und Ideen für die Klärung der Situation zu entwickeln.

Synchronie

Die innere Haltung für gelingende Kommunikation auf Augenhöhe nach Vorbild der „verkörperten“ Kommunikation äußert sich nicht in der Suche nach „Wahrheit“, sondern in der Suche nach Stimmigkeit. Das bedeutet, dass ich mich auf mein Gegenüber „synchronisierend einschwinge“, indem ich nicht auf meinen Standpunkt beharre, sondern auch seine/ihre Sichtweise für eigene Impulse und Erkenntnisse annehme.

Also in einer Haltung der Offenheit, Neugier und Akzeptanz meine Sicht der Welt erweitere. Das kann ich bei meinem Gegenüber nicht erzwingen, doch ich kann die Randbedingungen gestalten:

  • Ich gehe mit der Haltung ins klärende Gespräch, Synchronie zu ermöglichen
  • Ich weiß, dass Synchronie durch eine ergebnisoffene Haltung erzeugt werden kann
  • Ich widme mich dem klärenden Gespräch und meinem Gegenüber wertschätzend, respektvoll und mit voller Aufmerksamkeit.

 

Übung

Ich möchte dich einladen, bei nächster Gesprächsgelegenheit die eben beschriebene innere Haltung einzunehmen und bewusst den Rahmen stimmiger Kommunikation zu gestalten:

  • Widme dich ganz der Gesprächssituation, schalte alle Ablenkungen (Mobiltelefone etc.) aus
  • Schenke deine volle Aufmerksamkeit deinem Gesprächspartner
  • Halte Augenkontakt (ohne zu starren) und höre hin!

Fragen zur Selbstreflexion:

  • Welche körperlichen Begleiterscheinungen ruft diese innere Haltung hervor?
  • Wie fühlst du dich?
  • Welche Körperhaltung nimmst du ein?

Vielleicht magst du anmerken, dass du immer so kommunizierst. Dann beglückwünsche ich dich. Aus Sicht des Coachs bin ich auf einer Linie mit dieser inneren Haltung. Aus eigener Erfahrung weiß ich jedoch auch, dass es nicht so einfach ist, hinzuhören und nicht seinen eigenen Gedanken zu lauschen, die bereits die nächste Antwort vorbereiten.

Doch wie sieht es bei dir aus? Was verbindest du mit gelingender, stimmiger Kommunikation?

Wenn du magst, hinterlasse weiter unten einen Kommentar oder schreibe mir per E-Mail.


Workshop Kommunikation im Affekt: 03.05.2019 in der Naturheilpraxis Maike Hoyer. Mehr erfahren >

Literatur: Maja Storch, Wolfgang Tschacher: Embodied Communication – Kommunikation beginnt im Körper, nicht im Kopf.


Sven Lehmkuhl

Coach für gesunde und agile Selbstführung, Am Fesenfeld 2, 28816 Stuhr

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