Bild von Patrick Neufelder auf Pixabay

Gastbeitrag von Sven Lehmkuhl

Die Offenheit für Selbst-Erfahrungen

(Teil 1)

Immer wenn wir Gefühle ausdrücken und uns von anderen Menschen verstanden fühlen, dann wird ein besonderes Teilsystem unserer Psyche aktiviert: das Selbst.

Das Selbst ist der Teil unseres ganzheitlichen, emotionalen Erfahrungsgedächtnisses, der sich auf die eigene Person bezieht – mit all unseren Bedürfnissen, Ängsten, Vorlieben, Werten, Fähigkeiten und bisherigen bedeutsamen positiven und negativen Erfahrungen.

Für die Funktionstüchtigkeit des Selbst ist ein Mindestmaß an innerer Sicherheit erforderlich. Damit ist das Vertrauen in die Fähigkeit gemeint, dass auch Situationen der Angst und des Schmerzes bewältigt werden können.

Diese Fähigkeit, Gefühle jeglicher Art zuzulassen, ist die Grundlage aller Selbstfunktionen und auch für das ausgewogene Zusammenwirken der psychischen Teilsysteme (mehr im Blog-Beitrag: Selbstentwicklung – Kraft aus sich selbst schöpfen).

Innere Sicherheit ist somit einerseits der Wegbereiter persönlicher Entwicklung und andererseits gewinnt sie an Kraft auf dem Weg der Selbstentwicklung.

Die zwei Aspekte der inneren Sicherheit

Die innere Scherheit speist sich aus dem gelingenden, zuversichtlichen Kontakt mit den eigenen Bedürfnissen – diese wahrnehmen und ausdrücken zu können und zusätzlich von anderen Menschen darin verstanden und angenommen zu werden.

Grundlegende Fragen sind z.B.: Was ist mir wirklich wichtig? Was brauche ich?

Und damit sind auch durchaus einige Schwierigkeiten verbunden. Denn Bedürfnisse können und werden häufig wirksam, ohne uns bewusst zu werden. Innere Sicherheit und Bedürfnisse werden nicht gedacht, sondern gefühlt. Das hängt mit einem anderen Funktionsmerkmal des Selbst zusammen, der Körper- und Gefühlseinbindung.

Menschen, die „kopflastig“ sind und sich in einer negativen Affektlage (Affekt = einfachste Gefühlsregung) befinden, haben es sehr schwer, ihre Bedürfnisse in Form körperlicher Signale wahrzunehmen.

Neue Handlungsmöglichkeiten, die aus einer festgefahrenen Situation führen, lassen sich dann nicht entwickeln, weil auch der Zugang zur intuitiven Verhaltenssteuerung blockiert ist. Hilfreich ist es dann, Selbstwahrnehmung und Selbstausdruck zu trainieren, um das Selbst zu aktivieren und den eigenen Bedürfnissen auf die Spur zu kommen.

Abenteuer Selbstwahrnehmung und Selbstausdruck

Gefühle sind Bedürfnisschicksale, sie zeigen an, wie es um die Bedürfnisbefriedigung steht. Wie mache ich jedoch unbewusste Bedürfnisse sichtbar und dem bewussten analytischen Verstand zugänglich?

Dafür wird der Zugang zur emotionalen Erfahrungsbibliothek des Selbst benötigt, dem assoziativen Netzwerk unserer sämtlichen mit Gefühlen verknüpften Erfahrungen. Diese liegen nicht sprachlich vor, sondern in Form von Bildern. Durch Bilder und bildhafte Sprache wird stärker das Selbst angesprochen, der Verstand dagegen stärker durch sachliche Sprache.

Wenn wir allerdings zu stimmigen, nachhaltigen Bewertungen darüber gelangen wollen, wie wir z.B. unseren Lebensweg mehr in Einklang mit unseren Werten und Bedürfnissen gestalten können, dann müssen beide Komponenten in dieselbe Richtung blicken: die unbewusste Bewertung des emotionalen Erfahrungsgedächtnisses und die bewusste Bewertung des Verstandes.

Von Bedürfnisbildern und Somatogrammen

Im Workshop Selbstwahrnehmung arbeiten wir mit „Sprach-Bildern“, um das Selbst zu aktivieren und eigenen Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Die Wahrnehmung der Körpersignale und deren Eigensprachlichkeit als individueller Selbstausdruck nehmen hierbei wesentlichen Raum ein.

Dadurch werden Gefühle der bewussten Analyse zugänglich. Das schafft Anknüpfungspunkte für flexiblere Handlungen, damit wir uns agiler und ausgewogener selbst führen können.

Ausgangspunkt ist die Visualisierung von Körpersignalen, sogenannten somatischen Markern als Signalsystem des Unbewussten, in einer „Wahrnehmungsfigur“. Die dargestellten Bilder, sogenannte Somatogramme, sind Beispiele aus eigenen Workshops. Sie verdeutlichen die Individualität, denn die Bedeutung ist nur den Bildeigentümern verständlich und mit ihnen verbunden.

Somatogramm Beispiel 1 Somatogramm Beispiel 2

Übung Selbstwahrnehmung

1. Hast Du ein Flipchart zur Verfügung oder einen Zeichenblock? Dann male eine einfache Figur wie in den Beispielen. Hierfür musst Du nicht gut zeichnen können. Sofern Du magst, kannst Du natürlich auch etwas künstlerischer tätig werden. Doch vorrangig kommt es hierbei auf Dein Empfinden, den Zugang zu Deinen Körpersignalen an.

2. Zum Üben brauchst Du einen „Suchbegriff“, damit Dein Selbst aus Deiner Erfahrungsbibliothek damit verknüpfte Gefühle aufspüren und Dir als Körperempfinden vermitteln kann. An jedem Wort hängt ein Bild, hängt ein Gefühl. Das geschieht blitzschnell. Einfachste Gefühlsregungen, die anzeigen, ob etwas als angenehm oder unangenehm empfunden wird. Gemischte Gefühle inklusive. Denke also nicht den Begriff, sondern fühle ihn.

Beispiele für „Suchbegriffe“: Kritik, Lob, Urlaub, Omas Apfelkuchen … ergänze gerne Deine eigenen Begriffe.

3. Was empfindest Du bei diesen Begriffen?
Zeichne intuitiv Deine Wahrnehmung in die Figur: Formen und Farben und auch mögliche Umgebungselemente außerhalb der Figur, wenn Du dahingehend etwas wahrnimmst. Welcher Art könnten die Formen sein, wo nimmst Du sie wahr, welche Farbe haben sie und wie würdest Du sie intuitiv benennen?

Auch wenn die Signale schnell hervorgerufen werden, nimm Dir bitte genügend Zeit für Deine Selbstwahrnehmung. Das braucht Übung und ist individuell unterschiedlich.

Eine weitere Möglichkeit zum Üben: Schaue doch mal die Betreffzeilen Deines E-Mail-Programms an. Welche Körpersignale nimmst Du wahr? Welche Nachrichten würdest Du gerne lesen, welche nicht? Das ist wohl beinah eine tägliche Übung für viele Menschen.


Ich wünsche Dir bei dieser Übung ganz viel Spaß!

Wenn Du magst, hinterlasse gerne einen Kommentar, wie Dir die Übung gefallen hat oder falls Du Fragen hast.


Workshops Selbstwahrnehmung: 22.03.2019 und 05.04.2019 in der Naturheilpraxis Maike Hoyer.
Mehr erfahren >

Die Workshops haben eine theoretische und eine praktische Basis: Die PSI-Theorie (Julius Kuhl) und die kreativen Werkzeuge des Zürcher Ressourcenmodells (Maja Storch).

Literatur: Maja Storch, Julius Kuhl: Die Kraft aus dem Selbst – Sieben PsychoGyms für das Unbewusste.


Sven Lehmkuhl

Coach für gesunde und agile Selbstführung, Am Fesenfeld 2, 28816 Stuhr

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