Gastbeitrag von Sven Lehmkuhl

Selbstbestimmte und ausgewogene Lebensführung (Teil 1)

Leitfrage: Wie erlange ich mehr psychische Flexibilität und Handlungsmöglichkeiten, um auch in emotional belastenden Situationen Kraft aus mir selbst zu schöpfen?

Wenn Menschen professionelle Unterstützung suchen, z.B. bei einem Coach, dann werden häufig folgende Anliegen bzw. Symptome („Problem-Erleben“) genannt:

  • leide unter permanenter Anspannung und innerer Unruhe (Dauerstress)
  • kann mich an den Wochenenden und auch im Urlaub nicht mehr erholen
  • Konflikte mit „nervigen“ Kollegen eskalieren und auch privat reagiere ich häufig gereizt
  • fühle mich ausgebrannt, funktioniere nur noch irgendwie und laufe wie im Hamsterrad
  • dazu diese andauernden Kopfschmerzen, Herzstiche und Verspannungen
  • weiß nicht, was ich tun soll, kann keine klare Entscheidung treffen, es kann aber so nicht weitergehen.

Der Psychiater und Hypnotherapeut Milton H. Erickson bezeichnete solche Unstimmigkeiten oder Problem-Erleben als mangelnden Rapport mit sich selbst. Das Ziel ist demnach, eine empathische und ressourcevolle Beziehung zu sich selbst aufzubauen, die sowohl die eigenen Bedürfnisse und Werte als auch die Bedürfnisse und Werte des sozialen Umfelds berücksichtigt.

Psychische Grundbedürfnisse
Die Psychologen Edward L. Deci und Richard M. Ryan unterscheiden drei psychische Grundbedürfnisse, deren „Füllstände“ darüber entscheiden, ob wir motiviert sind, uns wohl und verbunden fühlen und uns selbstwirksam erleben.

1. Grundbedürfnis nach Autonomie: Selbstbestimmung, Handlungen im Einklang mit den eigenen Werten
2. Grundbedürfnis nach Kompetenz: Selbstwirksamkeit, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
3. Grundbedürfnis nach Bindung: Ermutigende soziale Beziehungen

Wie steht es mit ihren Füllständen bzw. der Erfüllung ihrer psychischen Grundbedürfnisse?

Der unbewusste Erfahrungsschatz oder die Kraft aus dem Selbst
Die PSI-Theorie von Julius Kuhl liefert nützliche Impulse für die Selbstentwicklung. Im Kern geht es um das Selbst als besonderes psychisches Teilsystem und dessen Interaktion mit anderen Teilsystemen: Verstand, Fehler-Zoom, Intuitive Verhaltenssteuerung. (Anmerkung: PSI steht für Persönlichkeits-System-Interaktion)

Das Selbst wird als wichtigster Bestandteil eines ausgedehnten Erfahrungsnetzwerks verstanden, dessen Gedächtnisinhalte weitgehend unbewusst sind. Das Selbst bezieht sich auf die eigene Person mit allen Bedürfnissen, Ängsten, Vorlieben, Werten, Fähigkeiten und bisherigen bedeutsamen (positiven und negativen) Erfahrungen.

Das Selbst verarbeitet Informationen (Erlebnisse) parallel und ganzheitlich auf einem sehr hohen Integrationsniveau – es kann mehrere Aspekte einer Erfahrung gleichzeitig „auf dem Schirm“ haben. Das liegt an der starken Vernetzung mit den (Körper-)Gefühlen, Emotionen und dem autonomen Nervensystem. Das Selbst bindet die Körperwahrnehmung in seine Aktivität ein.

Ein guter Selbst-Zugang und eine fein abgestufte Selbstwahrnehmung helfen, die eigenen Bedürfnisse ins Bewusstsein zu rücken und mit den bewussten Absichten des Verstandes (Ziele, Wünsche) zu verbinden, um kraftvolle Entscheidungen zu treffen und diese auch umzusetzen – also sprichwörtlich Kraft aus sich selbst zu schöpfen.

Zusammenfassung
Selbstentwicklung gelingt umso besser, je zuverlässiger die ausgewogene Nutzung und die Interaktion der psychischen Teilsysteme (oder auch des inneren Teams) funktioniert.

Eine selbstbestimmte und ausgewogene Lebensführung beruht auf dem Zusammenspiel von emotionalem Erfahrungsgedächtnis (Kompetenz für Lebenserfahrung) und bewusster Verstandestätigkeit (Kompetenz für den Umgang mit Neuem). Wenn die Bewertung aus der Lebenserfahrung heraus und die Bewertung des Verstandes zueinander passen, können selbst gewollte Absichten leichter umgesetzt werden.

Alles andere ist eiserne Disziplin und Selbstkontrolle, also Dominanz des Verstandes über oder gegen die eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Kurzfristig machbar, manchmal notwendig, doch langfristig ein Zustand im Dauerstress mit all seinen negativen Folgen für die Gesundheit (z.B. Burnout, Depression).

Fragen und Ausblick
Was kann konkret getan werden, um den eigenen Bedürfnissen (in der Tiefe) auf die Spur zu kommen und daraus stimmige Handlungsmöglichkeiten abzuleiten?
Wie gelingt die Integration neuer, hilfreicher Erlebnisse in das persönliche Erfahrungsnetzwerk, ohne von den eigenen Überzeugungen und Glaubenssätzen sabotiert zu werden?

Das sind grundlegende Fragen, die in dieser Serie behandelt werden.


Diese Beitragsserie zur Selbstentwicklung fußt auf den Forschungen von Julius Kuhl (PSI-Theorie) und ist maßgeblich inspiriert von den großartigen Ideen und Erfindungen der Psychologin Maja Storch (Zürcher Ressourcen Modell).

Teil 2 erscheint am 05.09.2018 und befasst sich mit der Selbstregulation von Gefühlen (Selbstkompetenz). Das ist wichtig, wenn die Dinge im Alltag nicht so gut funktionieren und man in einem Teilsystem geradezu gefangen ist.
jetzt lesen >


Sven Lehmkuhl

Coach für gesunde und agile Selbstführung, Am Fesenfeld 2, 28816 Stuhr

Diesen Inhalt teilen: