Gastbeitrag von Sven Lehmkuhl

Selbstbestimmte und ausgewogene Lebensführung (Teil 5)

Leitfrage: Wie schaffe ich es, innere Hemmschwellen zu überwinden und meinen Wunsch Schritt für Schritt zu verwirklichen?

In dieser Beitragsserie wurde wiederholt auf die Wichtigkeit des Zusammenspiels der psychischen Systeme verwiesen. Zum Beispiel um eine Balance zwischen Handlungsplanung und Handlungsausführung zu ermöglichen. Ansonsten würden Entscheidungen unter Umständen ewig hinausgezögert oder viel zu impulsiv gefällt (siehe auch Teil 2 – Selbstregulation von Gefühlen).

Entscheidend für die Ausgewogenheit, stimmige Entscheidungen zu treffen, ist die Selbstkompetenz – das aktive Gefühlsmanagement. Gefühle sind Bedürfnisschicksale. Es geht darum, unbewusste Bedürfnisse und bewusste Wünsche/Ziele in Einklang zu bringen – zu synchronisieren. Hier setzen die sogenannten Motto-Ziele an.

Die zwei Bewertungssysteme
An der Bewertung von Absichten und an der Handlungssteuerung sind immer zwei Systeme beteiligt: Der logisch-planende Verstand (bewusst) und das somato-emotionale Erfahrungsgedächtnis (unbewusst).

Wenn man vor diesem Hintergrund die alljährlich (wiederholt) formulierten „guten Vorsätze“ betrachtet, wird deutlich: Der Grund für das häufige Scheitern der guten Absicht ist die mangelnde Synchronisierung von bewusster Verstandesbewertung und der Bewertung des Unbewussten.

Die Vorsätze mögen noch so vernünftig klingen, es fehlt ihnen jedoch an emotionaler Kraft. Die Motivation bröckelt schnell, weil das Unbewusste, die verborgenen Bedürfnisse, nicht berücksichtigt werden. So kommt keine positive Affektlage auf, die jedoch zur Motivation und Willensbahnung erforderlich ist, um an einer Absicht dranzubleiben.

Die Komfortzone verlassen
Gewohnheiten und Arbeitsroutinen gehen leicht von der Hand. Sie funktionieren automatisch. Dazu ist keine besondere Stimmung erforderlich. Doch wie sieht das bei Zielsetzungen aus, die mit herkömmlichen Bordmitteln nicht so leicht zu bewerkstelligen sind?

Wenn die aktuell eingesetzten Handlungsstrategien nicht ausreichen, das angestrebte Ziel zu erreichen, dann ist es Zeit, aus der Komfortzone herauszutreten. Dafür ist Motivation erforderlich. Auch Willensstärke. Und Entschlossenheit. „Ja, das will ich wirklich!“. Mit jeder Faser meines Körpers. Hier kommen jetzt Motto-Ziele ins Spiel.

Die Zielpyramide
Die unten abgebildete Grafik der Zielpyramide zeigt die unterschiedlichen Zielebenen. Der gewöhnliche Einstieg in die Welt der Ziele geschieht auf der mittleren Ebene über die Formulierung eines erwünschten Ergebnisses in der Zukunft. Bekannt sind besonders im beruflichen Bereich konkrete Ziele unter dem Akronym SMART (Spezifisch, Messbar, Attraktiv, Realistisch, Terminiert).

Konkrete Ergebnis-Ziele sprechen stärker den logisch-planenden Verstand an und nicht so sehr die Gefühlsebene. Auf der Ebene der Verhaltens-Ziele werden dann Handlungen geplant, um Schritt für Schritt das angestrebte Ergebnis zu erreichen. Konkrete Ziele geben Orientierung und lassen sich in logische, handhabbare Portionen aufteilen, was die Umsetzung erleichtert. Das funktioniert in der Praxis recht gut.

Die Zielpyramide
Doch es gibt viele Fälle, wo trotz bester Planung und fester Absichten die Umsetzung nicht gelingen will. Dann kann es daran liegen, dass unbewusste Bedürfnisse „dazwischenfunken“ und zu einem Motivkonflikt führen. In diesen Fällen ist es hilfreich, auf die obere Zielebene zu wechseln, die Ebene der inneren Haltung.

Diese Art von Zielen wird allgemeine Ziele oder Motto-Ziele genannt. Sie sind auf das „Hier und Jetzt“ fokussiert wie ein Freikletterer an der Felswand. Wer so etwas tut, hat eine starke Absicht und ist voller Entschlossenheit auf der Basis einer kraftvollen inneren Haltung.

Motto-Ziele
Der Begriff Motto-Ziele wurde von der Psychologin Maja Storch im Rahmen des Zürcher Ressourcen Modells geprägt. Motto-Ziele sind bildhaft und unbestimmt formuliert. Sie basieren auf Projektionen, die durch Bilder hervorgerufen werden, und den damit assoziierten Begriffen. Darin eingeflossen sind individuelle Erfahrungen und vormals unbewusste Bedürfnisse, verknüpft mit bewussten Motiven (Wünsche, Ziele).

Bilder sind besonders gut geeignet, um über Projektionsvorgänge unbewusste Bedürfnisse wachzurufen. Im Zürcher Ressourcen Modell wurde eigens dafür eine Bildkartei entwickelt. Die dort enthaltenen Bilder sind darauf ausgerichtet, starke positive Gefühle zu erzeugen. Die Grundlage zur Entwicklung eines Motto-Ziels, damit es seine Wirksamkeit voll entfalten kann.

Ein Motto-Ziel wie „Ich gehe fischen und jubel über meine Erfolge“ ist nur für den Menschen verständlich, der das Motto-Ziel entwickelt hat. Das Motto-Ziel drückt bildhaft die neue innere Haltung aus. Wer weiß, vielleicht handelt es sich in diesem Fall um eine innere Haltung für mehr „Life-Balance“.

Der Strudelwurmfaktor
Die durch Bilder unbewusst ausgelösten Projektionen werden durch das Signalsystem des Unbewussten als Körperempfindungen und/oder Emotionen erfahrbar. Im Fachjargon als somatische Marker bezeichnet, hat Maja Storch dafür die Metapher des Strudelwurmfaktors, kurz Würmli, entwickelt.

Damit soll verdeutlicht werden, dass das Signalsystem nur einfache affektive Bewertungen kennt: Positive Affekte (Gefühle) und negative Affekte. Das Würmli arbeitet blitzschnell, es reagiert innerhalb von 200 Millisekunden. Wer den Test machen möchte, prüfe einmal seine affektive Bewertung der Betreffzeilen in seinem E-Mail-Postfach.

Menschen empfinden in Alltagssituationen zumeist gemischte Gefühle (positiv und negativ), die in unterschiedlichen Systemen erzeugt werden (Belohnungssystem, Bestrafungssystem). Wenn das Motto-Ziel starke positive Affekte und zugleich keinerlei negative Affekte hervorruft, dann ist es geeignet, in der Praxis erprobt zu werden.

Ein kraftvolles Motto-Ziel als innere Haltung überwindet innere Hemmschwellen durch bedingungslose Entschlossenheit und fördert zieldienliche Handlungen sowie das Dranbleiben am Zielprozess. Mit anderen Worten: Herz und Hirn betreiben Teamwork, stimmig zur Gesamtpersönlichkeit.

Praxis – Workshop Selbstkompetenz: Am 23.11.2018 besteht die Möglichkeit, die Thematik näher kennen zu lernen und praktisch zu erproben – in einem 3-stündigen Impuls-Workshop in der Naturheilpraxis Maike Hoyer. mehr erfahren >


Diese Beitragsserie zur Selbstentwicklung fußt auf den Forschungen von Julius Kuhl (PSI-Theorie) und ist maßgeblich inspiriert von den großartigen Ideen und Erfindungen der Psychologin Maja Storch (Zürcher Ressourcen Modell).

Teil 6 – der abschließende Beitrag – erscheint am 12.12.2018 und fasst die Kernbotschaften kraftvoller Zielentwicklung und Umsetzung für eine selbstbestimmte und ausgewogene Lebensführung zusammen. jetzt lesen >

Weitere Teile:
Teil 1 Selbstentwicklung – Kraft aus sich selbst schöpfen
Teil 2 Selbstregulation von Gefühlen
Teil 3 Selbstwachstum ist Erfahrungslernen
Teil 4 Innere Ressourcen und das Unbewusste


Sven Lehmkuhl

Coach für gesunde und agile Selbstführung, Am Fesenfeld 2, 28816 Stuhr

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