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Gastbeitrag von Sven Lehmkuhl

Stresskompetenz – Ressourcen aktivieren mit allen Sinnen

Die Sommerferien sind vorüber. Vielleicht hattest du während der Ferienzeit deinen Urlaub gebucht und diesen vollauf genossen. Hoffentlich bist du dann gefüllt mit wundervollen Erinnerungen an berührende Erlebnisse wieder in deinen Alltag zurückgekehrt und kannst von diesen guten Gefühlen noch einige Zeit zehren. Bevor der Stress wieder zum täglichen Begleiter wird.

Dabei ist Stress nicht grundlegend das Übel, sondern eine normale Begleiterscheinung aktiver Lebensgestaltung. Wie beim sportlichen Ausgleich, wenn man sich fordert, um seine Gesundheit zu fördern. Entscheidend ist der richtige Rhythmus von Anspannung und Entspannung.

Genau hier liegt das Problem vieler Menschen in dem heutigen von Reizüberflutung dominierten Tagesgeschehen. Die Fähigkeit zur Entspannung, die dem Menschen innewohnt, scheint verloren gegangen zu sein. Die Arbeit wird häufig mit nach Hause genommen und gleichzeitig wird in der Freizeit kräftig an der Work-Life-Balance gefeilt.

So entsteht neben Arbeitsstress auch noch Freizeitstress. Das Ergebnis ist Dauerstress auf allen Ebenen, weil der Leistungsnerv (Sympathikus) ständig aktiv ist, während der Ruhe- und Entspannungsnerv (Parasympathikus) nur unzureichend aktiviert wird. In dem Beitrag Stressfrei durch Vagus-Übungen geht Maike Hoyer darauf näher ein. 

Aus der Perspektive des Coachings sprechen wir von Selbstregulationskompetenz. Anschaulicher drücken es der Arzt Gunter Frank und die Psychologin Maja Storch aus, sie verwenden das Bild eines Sombreros als Symbol für die Mañana-Kompetenz und meinen damit die Fähigkeit zur Aktivierung des Parasympathikus.

Auf den Ansatz der persönlichen Mañana-Zone und passender Entspannungsmaßnahmen gehe ich in künftigen Beiträgen ein, doch an dieser Stelle möchte ich zu den Urlaubs-Ressourcen zurückkehren. Denn hier geht es jetzt um die Aktivierung von Ressourcen unter Einbezug aller Sinnes-Ebenen mit dem Ziel, auch vergangene Ressourcen immer wieder im Alltag hilfreich nutzen zu können (zum Ressourcen-Begriff siehe auch den Beitrag Impulse für eine Handvoll Ressourcen).

Es kann nicht oft genug betont werden: Aktivierung und bewusstes Erleben der Ressource im Alltag stärkt die körperliche und seelische Gesundheit.


Deine Sinneswahrnehmungen bewusst einbeziehen

Wahrscheinlich sind dir aus deinem letzten Urlaub noch viele schöne Eindrücke und Erlebnisse lebhaft präsent. Manche werden verblassen, doch einige werden immer wieder durch äußere Impulse wachgerufen werden, weil sie dich emotional stark berührt haben. Solche Erfahrungen werden „multicodiert“ in deinem emotionalen Erfahrungsgedächtnis gespeichert (siehe aus Sicht der Kommunikation auch den Beitrag Selbstwahrnehmung und Kommunikation).

Das bedeutet, unterschiedliche Reize von außen können die mit einer bestimmten Erfahrung verknüpften Körpergefühle und Emotionen wieder aufleben lassen. Das kennen wir wohl alle, wir hören eine bestimmte Melodie oder nehmen einen Geruch wahr und schon sind wir in unserer Vorstellung wieder am Ort der ursprünglichen Erfahrung.

Und das Schöne dabei, wir erleben die vergangenen guten Gefühle in der Gegenwart erneut. Manchmal wird es uns ja sogar erst später bewusst, wie schön das Erlebnis war. Klar, das hat etwas mit Achtsamkeit zu tun und mit der Fähigkeit zum Runterfahren, zur Entspannung zu kommen, eben mit der Aktivierung des Parasympathikus. Denn in diesem „Innere-Ruhe-Modus“ sind Regeneration, Achtsamkeit und die Selbstwahrnehmung sowie Aktivierung von Ressourcen erst wirksam möglich.

Nun funktioniert die Verankerung von Ressourcen-Momenten zwar auf all unseren Sinneskanälen, wenn wir bewusst sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken. Die meisten Menschen haben jedoch ihren bevorzugten Wahrnehmungskanal, recht häufig ist dies die visuelle Sinneswahrnehmung. Grundlegend lässt sich aber sagen, dass wir angenehme Momente intensiver erleben, wenn wir unsere naturgegebenen Sinneskanäle bewusst einbeziehen.

Tipp: Trainiere gezielt die Einbeziehung deiner weniger ausgeprägten Sinneskanäle, indem du die Wahrnehmung mal für kurze Zeiträume ausschließlich über einen solchen Kanal, z.B. den Geschmackssinn, stimulierst. 

Die folgende Übung hilft dir dabei, die neuronalen Bahnen deiner vergangenen Ressourcen-Momente durch bewusstes Nachspüren über die Sinneskanäle zu verstärken und für die Gegenwart erneut verfügbar zu machen.

Frage dich: Welche Urlaubserlebnisse wären als Postkartenmotiv geeignet, damit du die vergangenen schönen Momente und Gefühle beim Betrachten der Postkarte immer wieder im Alltag erleben kannst? Und wie wäre es, wenn du diese Ressourcen-Postkarte gezielt in herausfordernden Situationen zur Stressbewältigung einsetzen könntest?

 

Übung: Die Ressourcen-Postkarte

Quelle: Miriam Deubner-Böhme, Uta Deppe-Schmitz, Coaching mit Ressourcenaktivierung

Erinnere dich an deinen letzten Urlaub und hole dir einen konkreten Moment vor Augen, den du zum Motiv deiner persönlichen Ressourcen-Postkarte machst.

Hier ein paar Beispiele zur Anregung: Strand, Muscheln, Meer, Leuchtturm, ein tolles Essen, Ausflüge, Sehenswürdigkeiten, Berge, Begegnungen etc.

1. Stelle dir nun vor, du erlebst dieses Postkartenmotiv gerade in diesem Moment:

  • Sieh dich aufmerksam um: Welche angenehmen Dinge fallen dir ins Auge?
  • Höre genau hin: Welche angenehmen Geräusche dringen in dein Ohr?
  • Achte bewusst auf deine Hautempfindungen: Welche angenehmen Reize spürst du, z.B. im Gesicht, an Händen, Beinen oder Füßen?
  • Schnupper mal aufmerksam: Welchen angenehmen Geruch nimmst du wahr?
  • Kulinarische Genüsse inklusive: Welche angenehmen Geschmacksempfindungen nimmst du wahr?

2. Welche Erkenntnisse hast du gewonnen?

Zum Beispiel: Die angenehmen Gefühle des Postkartenmotivs kann ich tatsächlich im Alltag wiederholt erleben. Ich werde jetzt bewusster meinen Geschmackssinn im Alltag einbeziehen. 

Tipp: Wiederhole diese Ressourcen-Übung regelmäßig und entfalte das Potenzial deiner Sinneswahrnehmung für deine Ressourcenaktivierung.

Ergänzende Übungen: Impulse für eine Handvoll Ressourcen, Der achtsame Blick durch die Ressourcen-Brille, Achtsam den Körper wahrnehmen mit dem Ressourcen-BonbonDie Hausapotheke der Herzensgefühle.

Ich wünsche dir in deinem Alltag viel Freude mit dieser Übung. Schreibe deine Erfahrungen gerne in das Kommentarfeld. Ich freue mich auf dein Feedback.


Sven Lehmkuhl

Coach für gesunde und agile Selbstführung, Am Fesenfeld 2, 28816 Stuhr

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